Breadcrumbs
Corpo Pagina
Die Nekropole von Mont‘e Prama – Deutsche Übersetzung

Seit April 2026 ist der gesamte Skulpturenkomplex von Mont’e Prama im Museo Civico Giovanni Marongiu in Cabras zu sehen.

 

 

1974 entdeckte ein Bauer beim Pflügen seines Feldes bei Mont‘ e Prama (dt. Berg der Palmen) auf der Sinis Halbinsel bei Cabras den Kopf einer Statue. Er informierte die zuständigen Behörden, woraufhin zwischen 1975 und 1979 unter der Leitung von Giovanni Lilliu und Enrico Atzeni vier Grabungskampagnen stattfanden.

Bei den Ausgrabungen fand man eine Nekropole mit unversehrten Einzelgräbern, in denen fast ausschließlich junge, muskulöse Männer bestattet wurden. Dies deutet darauf hin, dass sie Krieger waren oder Adelsfamilien angehörten. Die Nekropole zeigt drei verschiedene Nutzungsphasen: Eine erste Phase, die älteste, besteht aus Einzelgräbern mit flachen Schachtgräbern. In einer zweiten Phase wurden neue Einzelgräber oder Gruppen von Gräbern angelegt, die mit steinernen Platten abgedeckt wurden. In der dritten Phase sind die Gräber, mit quadratischen Deckplatten, in einer Linie aufgereiht. Über diesen Gräbern und im freien Bereich davor, der eine Art Straße bildet, wurden die Fragmente der Statuen gefunden.

Bis heute wurden über 5178 Fragmente gefunden. In aufwändigen Restaurationsprozessen konnten 38 Statuen und Modelle von Nuraghen aus Kalksandstein wiederhergestellt werden. Die 2 – 2,6 m hohen Statuen stellen Bogenschützen, Boxer und Krieger dar, die große Ähnlichkeit mit den Bronzefiguren der Nuraghenkultur (Abini, Serri, Teti) aus dem 8. bis 6. Jahrhundert v. Chr. aufweisen. Das genaue Alter der Skulpturen war bis jetzt nicht zu ermitteln. Man datiert sie auf das 9. – 8. Jhd. v. Chr., was bedeutet, dass sie älter als die griechischen kouroi und somit der älteste Statuenkomplex Europas sind.

Die 16 Boxer, die bis heute restauriert wurden, halten mit der linken Hand ein Schild über dem Kopf. Der rechte Arm ist angewinkelt, die Faust nach vorne ausgestreckt. Sie tragen einfache Röcke mit Gürtel. Ihre Oberkörper sind nackt und sie sind barfuß oder tragen Sandalen. Im Vergleich zum Oberkörper sind ihre Beine kurz. Ihre Gesichter sind dreieckig mit großen Augen, die durch konzentrische Kreise dargestellt werden. Der Mund ist lediglich eine schmale Linie. Sie tragen 1-2 Zöpfe pro Seite. Man vermutet, dass sie Athleten bei heiligen Spielen darstellen.

Bisher konnten 5 Statuen von Bogenschützen restauriert werden. Diese Statuen sind komplexer und es gibt mehr Varianten als bei den Boxern. Die rechte Hand ist zum Gebet erhoben, in der linken Hand halten sie einen Bogen. Am Unterarm tragen sie einen Armschutz. Das Gesicht und die Haare sind genau wie bei den Boxern gestaltet. Sie sind barfuß dargestellt und tragen Helme mit Hörnern, kurze Tuniken, Brustpanzer, Beinschoner und einen Köcher auf dem Rücken.

Die 4 Krieger zeichnen sich durch das runde, akkurat dargestellte Schild und ihre sehr kurze, aufwändig dekorierte Rüstung aus.

Außerdem wurden 13 Modelle von Nuraghen gefunden, die perfekt mit den architektonischen Originalen übereinstimmen. Die Nuraghe nimmt hier eine symbolische Funktion der Legitimation und Verstärkung der Macht ein. Sie wird zu einem wichtigen Symbol in kollektiven Riten, da sie sowohl für die Gemeinschaft als auch für eine erhabene Gruppe, die dieser Gemeinschaft angehörte, stehen kann. So wird die Nuraghe zum politischen Instrument: Sie sichert Zustimmung und Stabilität. In Sardinien wurden sowohl kleine Modelle von Nuraghen aus Stein, Keramik und Bronze, als auch größere Altare aus Stein in Form von Nuraghen gefunden.

In der Nähe der Nekropole wurden auch mehrere sogenannte Baityloi (italienisch betili, hebräisch Beith-El = Haus Gottes) gefunden. Diese Blöcke aus Kalksandstein in einfachen geometrischen Formen, ohne Dekoration sind ca. 1,5 m hoch und haben 4 rechteckige Aushöhlungen. Sie werden als religiöses Symbol interpretiert: Die Götter, die über die Toten wachen, schauen aus den Baityloi in jede Richtung. Auch in der Nähe der „Gräber der Riesen“ wurden Baityloi gefunden.

Der Grab- und Skulpturenkomplex wird oft als heroon bezeichnet, ein griechisches Wort, das einen Ort bezeichnet, der für den Kult von Ahnen, die zum Rang von Helden erhoben wurden, organisiert und strukturiert ist, sowie für die traditionellen Werte der Gemeinschaft, mit denen diese sich identifiziert.

Hinsichtlich der Bedeutung des Komplexes gibt es verschiedene Interpretationen: Nach einer Interpretation erhoben sich die Statuen in einem unmittelbar angrenzenden Bereich zur Nekropole und stellten, zusammen mit den dort beigesetzten Verstorbenen, die gesellschaftlich angesehensten Gruppen dar: im militärischen Bereich (Bogenschützen und Krieger), im religiösen Bereich (Boxer) und im politischen Bereich (Modelle von Nuraghen). Nach einer anderen Interpretation stellten die Statuen ihre Ahnen dar, die mythischen Helden der nuragischen Legenden, während die Modelle der Nuraghen die Identität und den Zusammenhalt der Gemeinschaft symbolisierten. Laut einer letzten Interpretation gedachten die Statuen eines wichtigen Ereignisses in der lokalen nuragischen Geschichte.

Unabhängig davon, welche Interpretation man wählt, haben die Statuen einen starken symbolischen Charakter, der darauf abzielte, eine Botschaft der Zugehörigkeit und territorialen Vorherrschaft zu vermitteln, sowohl an die lokalen Gemeinschaften als auch an die aus dem Orient stammenden Völker, die in jenen Jahren in Sardinien ankamen.

Torna su