Das Neolithikum (Jungsteinzeit) dauerte auf Sardinien fast dreitausend Jahre: vom Beginn des 6. bis zum 3. Jahrtausend v. Chr. Der Umschwung, den diese Epoche, verglichen mit dem Paläolithikum (Altsteinzeit), mit sich bringt, steckt in dem Namen der Epoche selbst: Neolithikum – „Zeit des neuen Steins“ (aus altgriechisch νέος néos‚neu, jung‘ und λίθος líthos‚Stein‘). Der Mensch lernt, Stein zu bearbeiten, um verschiedene Objekte, wie Waffen und Werkzeuge zur Bodenbearbeitung herzustellen. Besonders der Ackerbau stellt eine der wichtigsten Neuerungen des Neolithikums dar und markiert den Übergang von einer Gesellschaft der Sammler und Jäger zu einem komplexeren wirtschaftlichen System, in dem die Viehzucht und der Ackerbau im Mittelpunkt stehen. Hinzu kommt eine weitere wichtige Erfindung: die Keramik. Der neolithische Mensch entdeckt, dass man Lehm zur Herstellung von Gefäßen, verschiedener Größe und mit unterschiedlicher Funktion, verwenden kann.
In der frühsten Phase des Neolithikums (5800 – 4800 v. Chr.) finden wir auf Sardinien, so wie im gesamten westlichen Mittelmeerraum, Cardial-Keramik, benannt nach der Muschel (cardium edule), die man vor dem Brennen in den feuchten Lehm drückte, um die Gefäße mit parallelen Linien zu verzieren. Ein weiteres wichtiges Zeugnis dieser Zeit sind die sogenannten geometrischen Mikrolithen aus Obsidian, sehr kleine Klingen, die hauptsächlich als Spitzen für Lanzen, Speere und Harpunen verwendet werden.
Charakteristisch für das mittlere Neolithikum (4800 – 4300 v. Chr.) sind die Statuetten aus Stein und Ton in naturalistisch-volumetrischem Stil. Sie stellen opulente weibliche Körper dar und werden als Muttergöttinnen interpretiert. Sie sind zurückzuführen auf die Bono-Ighinu-Kultur, benannt nach ihrem ersten Fundort, nahe der Landkirche Santa Maria di Bonu Ighinu in der Provinz Sassari.
Das letzte Jahrtausend des Neolithikums, unterteilt in Spätneolithikum (4300 – 4000 v.Chr.) und Endneolithikum (4000 – 3300 v. Chr.), ist gekennzeichnet von weiteren Fortschritten in der Steinbearbeitung, vor allem von Obsidian, und der Keramikproduktion und dekoration.
Die Ozieri-Kultur (nach Funden in der Grotta di San Michele zunächst San-Michele-Kultur genannt) ist die letzte der großen Kulturen der Jungsteinzeit auf Sardinien. Die Bono-Ighinu-Kultur und die erst jüngst entdeckte Kultur von San Ciriaco gingen ihr voraus. Die Weiterentwicklung der plastischen Darstellungen der Muttergöttin verdeutlicht, dass die Kulturen von Bonu Ighinu und Ozieri zwei Stufen derselben Kultur darstellen.
Eine unschätzbare Informationsquelle zur Wohnarchitektur des späten und endneolithischen Zeitraums sind die Domus de Janas (wörtlich „Häuser der Feen“, vom Sardischen domu „Haus“ und jana „Fee“). Es handelt sich um in den Felsen gehauene Grabstätten, die typische Elemente zeitgenössischer Wohnhäuser nachbilden. Dazu gehören beispielsweise Türen, Nischen und Sockel. Besonders bemerkenswerte Exemplare befinden sich in der unterirdischen Nekropole von S. Andrea Prius nahe Bonorva (SS), die ins Endneolithikum datiert wird. Unter den etwa zwanzig dort erhaltenen Gräbern sticht die sogenannte „Grabstätte des Anführers“ aufgrund ihrer Monumentalität hervor: Sie umfasst ganze 18 Räume.
Der Übergang vom Neolithikum zum Äneolithikum wird von der Fähigkeit, Metalle – vor allem Kupfer – zu fördern und zu bearbeiten, markiert. Daher wird diese Phase üblicherweise als Kupfersteinzeit bezeichnet, die in Sardinien etwa ein Jahrtausend dauert (3300 – 2200 v. Chr.). Diese chronologischen Grenzen sind rein konventionell, während die Übergänge zwischen dem Endstadium eines Zeitabschnitts und dem Beginn des nächsten alles andere als klar abgegrenzt sind. Wie in der Archäologie bekannt, gibt es Phänomene der Vorwegnahme und Verzögerung, wodurch charakteristische Merkmale einer kulturellen Facies auch in der vorangegangenen oder nachfolgenden Phase zu finden sind. Dies ist der Fall der sogenannten Sub-Ozieri-Kultur, die im späten Neolithikum und im frühen Äneolithikum belegt ist und so benannt wurde, um den expliziten Zusammenhang mit der vorhergehenden neolithischen Ozieri-Kultur hervorzuheben.
Aus zahlreichen Bestattungs- sowie Wohnkontexten der Kupfersteinzeit stammen weibliche Marmorstatuetten in einem stark stilisierten, geometrischen Stil, bei denen die Arme zur Taille geführt, aber markant vom Oberkörper abgesetzt sind.
Die charakteristische Keramikproduktion der mittleren Kupfersteinzeit (2700 – 2200 v. Chr.) ist vor allem die der Monte-Claro-Kultur, benannt nach dem ersten Fundort, einem Hügel in Cagliari. Es handelt sich dabei um großformatige Gefäße in verschiedenen Formen – Dreifüße, Schalen, Kessel – in einem nussroten Farbton mit vertikaler und horizontaler Kannelierung.
Im selben Zeitraum gelangt die Glockenbecherkultur nach Sardinien, die auch in der Anfangsphase der darauffolgenden Bronzezeit nachgewiesen ist und so benannt wurde, weil sie durch das typische Artefakt – den Becher in umgekehrter Glockenform, verziert mit eingravierten oder punktierten Mustern – charakterisiert ist. Neben der Keramik fand man als Grabbeigaben Schmuckgegenstände, wie sichelförmige Anhänger, Knöpfe aus Knochen, Pfeilspitzen aus Feuerstein und Armschützer in Form rechteckiger Steinplatten mit zwei oder vier Löchern, die von Bogenschützen zum Schutz der Innenseite des Handgelenks vor dem Rückprall der Bogensehne verwendet wurden. Präzise Vergleiche mit becherförmigen Keramiken, die in Portugal, Spanien und im Süden Frankreichs belegt sind, deuten auf eine westliche Herkunft dieser Modelle hin, die auf Sardinien von lokalen Traditionen beeinflusst wurden.
Die traditionelle Einteilung der Bronzezeit (3. – 1. Jahrtausend v. Chr.) in Frühe, Mittlere und Späte Bronzezeit ist auf Sardinien von besonderer Bedeutung, denn die Mittlere und Späte Bronzezeit überschneidet sich hier mit dem Aufblühen und Entwicklung der Nuraghenkultur, benannt nach den charakteristischen Türmen, den Nuraghen.
Die Frühe Bronzezeit ist auf Sardinien charakterisiert von der Ausbreitung der Bonnanaro-Kultur. Die Grabbeigaben weisen einige Elemente der kupfersteinzeitlichen Glockenbecherkultur auf: Armschützer, Ketten aus Muscheln und Tierzähnen. Die Bonnanaro-Kultur hebt sich jedoch durch die totale Abwesenheit von Verzierungen der Keramik ab. Besonders typisch für diese Zeit ist die Vase mit drei Füßen (Dreifuß), die zum Kochen verwendet wurde.
Ein wichtiges Phänomen ist seit dem Ende der Mittleren Bronzezeit die Verbreitung von mykenischen, minoischen und zypriotischen Produkten, besonders Keramik. Vielleicht sind es die Bodenschätze, die um das Jahr 1400 v. Chr. die orientalischen Seefahrer nach Sardinien ziehen. Ein Hinweis hierauf ist, dass die ältesten mykenischen Manufakte in Siedlungen in wichtigen Bergbauregionen gefunden wurden. Trotzdem müssen die ersten Kontakte zwischen Nuraghern und den orientalischen Seefahrern entlang der Küsten stattgefunden haben. Die Neuankömmlinge konnten nur nach erfolgreichen Verhandlungen mit den Nuraghern ins Landesinnere und somit zu den Bodenschätzen vordringen.
Der größte Teil des ägäisch-mykenischen Materials auf Sardinien stammt aus der Späten Bronzezeit und befindet sich rund um den Golf von Cagliari. Besonders aussagekräftig in Bezug auf die mykenische Besiedlung der Insel sind die Keramikfragmente zahlreicher mykenischer Krüge, die zwischen 1979 und 1985 in der Nuraghe von Antigori vor dem Hafen von Sarroch, gefunden wurden. Die Keramik, sowohl importiert als auch lokal imitiert, hat es ermöglicht, diese Stätte als einen der wichtigsten Umschlagplätze für die Weiterverteilung von mykenischen Produkten ins Landesinnere zu identifizieren. Diese wurden als Tauschware zum Erwerb von Metallen verwendet.
Seit Beginn der Mittleren Bronzezeit bis zum Beginn der Eisenzeit ist Sardinien durch die Zivilisation der Nuragher geprägt. Das symbolische Monument dieser Zivilisation ist die Nuraghe, ein imposantes megalithisches Bauwerk in Form eines Kegelstumpfes, das ein Unikum in den antiken Zivilisationen des Mittelmeers darstellt. Die einfacheren Nuraghen bestehen aus einem einzelnen Turm. Komplexere Nuraghen sind aus mehreren Türmen zusammengesetzt, die unterschiedlich angeordnet und durch Mauern miteinander verbunden sind. In der Nähe der Nuraghen befinden sich in der Regel Überreste von Dörfern mit unterschiedlich vielen Hütten.
Von den über 7000 Nuraghen wurde nur ein kleiner Teil ausgegraben und bis heute entziehen sich zahlreiche Aspekte dieser Monumente unserem Verständnis. So gibt es viele Hypothesen bezüglich ihrer Funktion: Die bei den Ausgrabungen gefundenen Keramiken, Essensreste und Werkzeuge belegen, dass die Nuraghen für häusliche Aktivitäten genutzt wurden. Gleichzeitig machen einige architektonische Besonderheiten (Türme, Schießscharten, äußere Verteidigungswälle) sie zu befestigten Gebäuden, errichtet zum Schutz von Menschen oder Gütern. Unbestreitbar ist die Rolle, die die Nuraghen bei der Kontrolle des Territoriums und der Verwaltung der Ressourcen spielten, auch wegen ihrer Lage an strategisch wichtigen Orten. Dies unterstreicht auch ihren symbolischen Charakter, als Zeichen der Macht und des Reichtums der Nuragher.
Ein weiteres Beispiel der megalithischen Architektur der Nuragher sind die „Tombe dei Giganti“ (Gräber der Riesen), die aus einem länglichen Bestattungsraum (Galerie) und einem halbrunden Frontbereich (Esedra), der für Bestattungszeremonien genutzt wurde, bestehen. Ihr Grundriss erinnert an die Form eines Stierkopfes. Ihr Name bezieht sich auf die Größe der Galerie, die wie das Grab eines einzigen Riesen anmutet. Es wurden jedoch Dutzenden oder Hunderten von Menschen hier beigesetzt.
Wichtige Zeugnisse der Religion der Nuragher sind die Brunnentempel und die Heiligen Quellen, die in Verbindung zum Wasserkult stehen und oft in der Nähe religiöser Siedlungen, wie Santa Vittoria di Serri oder Sant’Anastasia di Sardara, zu finden sind. Bei den Megaron-Tempeln ist es schwieriger, die Art des Kultes zu bestimmen. Wahrscheinlich ist aber, dass auch diese mit dem Wasserkult in Verbindung stehen.
Zur Originalität der Architektur gesellen sich die nuragischen Kunstformen: Hierfür stellen die Bronzefiguren und die große Steinstatuarik, die im Komplex von Mont’e Prama in Cabras gefunden wurden, herausragende Beispiele dar.
Bronze, eine Metalllegierung, die aus der Verschmelzung von Kupfer und Zinn entsteht, ist härter und widerstandsfähiger als Kupfer allein und deshalb besonders geeignet für die Herstellung von Waffen und Werkzeugen. Diese wurden in Gussformen geformt und anschließend durch Hämmern verfeinert. Die nuragischen Produktion war sehr reichhaltig und vielfältig. Gut dokumentiert sind Dolche, Schwerter (teils lokaler Herstellung, teils Importware von der Iberischen Halbinsel) und Lanzen. Typische Formen Sardiniens sind die Äxte mit erhöhten Rändern, die Dolche mit „gammaten“ Griffen (benannt nach der Form des Griffes, die an den griechischen Buchstaben „Gamma“ erinnert), die großen Lanzenspitzen und die langen Votivschwerter. Andere Exemplare, die von zyprischen Vorbildern inspiriert sind, wie die Doppeläxte, wurden von nuragischen Handwerkern in ähnlichen, frei umgestalteten Formen weiterentwickelt. Für die Holzbearbeitung wurden Meißel, Sägen, Feilen und Raspeln hergestellt, während Sicheln unterschiedlicher Art die landwirtschaftliche Tätigkeit belegen.
Zu den weiteren Werkzeugen, die für die Herstellung von Bronzegegenständen verwendet wurden, gehörten die Feuerzangen, eingesetzt zum Greifen der während der Bearbeitung erhitzten Metallobjekte, sowie Kohleschaufeln und Spachtel. All diese Werkzeuge weisen enge Parallelen zu ähnlichen zypriotischen Exemplaren auf, die in die Endbronzezeit datiert werden.
Neben der Herstellung von Waffen und Werkzeug wird auch die Produktion von Bronzefiguren betrieben. Das Sortiment und die ikonografische Vielfalt dieser Figuren, die verschiedene Personen darstellen – vom Häuptling über Priester, von Kriegern bis zu Opfern – aber auch Haustiere, Wildtiere und andere Objekte unterschiedlicher Funktion und Verwendung, wie kleine Körbe, Vasen und Modelle von Nuraghen, bilden eine wichtige Grundlage für die Rekonstruktion eines detaillierten Bildes der Gesellschaft der Nuragher.
Besondere Erwähnung verdienen die Votivschiffchen: kleine bronzene Objekte in Form von Schiffen. Die Schiffsfront ziert der Kopf eines Bullen oder Hirsches (seltener eines Schafs oder Mufflons). Bei elaborierteren Exemplaren sind oft kleinere Figuren anderer Tiere, wie Hunde oder Vögel, auf der Reling oder dem Mast dargestellt. Es gibt über hundertfünfzig Exemplare dieser Votivschiffchen, die größtenteils aus Sanktuarien stammen, wo sie als Ex-voto dargebracht wurden. Es wird vermutet, dass sie als Votivlampen verwendet wurden, basierend auf dem Vergleich mit ähnlichen Schiffchen aus Keramik, die in großer Zahl gefunden wurden und als Lampen in Haushalten und Kultstätten benutzt wurden. Es sind jedoch keine Spuren von Verbrennung auf den Bronzeschiffchen zu finden. Daher gibt es auch andere Hypothesen, die davon ausgehen, dass sie als Behälter für Öle oder duftende Essenzen verwendet wurden. Die Schiffchen bezeugen das Interesse der Nuragher an der Schifffahrt. Sardinien spielte aufgrund seiner zentralen Lage im Mittelmeerraum eine Schlüsselrolle in intensiven maritimen Handelsverhältnissen zwischen der Bronze- und Eisenzeit.
Alle diese Objekte wurden im Wachsausschmelzverfahren hergestellt: Zunächst wird ein Wachsmodell des gewünschten Objekts erstellt, das dann mit Ton überzogen und gebrannt wird. Durch die Hitze schmilzt das Wachs und fließt ab. Die Tonhülle bleibt als Hohlform erhalten. In diese wird anschließend die geschmolzene Bronze gegossen. Sobald das Metall erstarrt und abgekühlt ist, wird die Form zerbrochen, wodurch jedes Exemplar einzigartig und unnachahmlich wird.
Der Übergang von der Spätbronzezeit zur Eisenzeit (9.–6. Jahrhundert v. Chr.) stellt ein komplexes Thema in der Forschung zur nuragischen Welt dar. Insbesondere die ersten zwei Jahrhunderte dieser Epoche, bekannt als die Frühe Eisenzeit, wurden lange Zeit als Endphase der nuragischen Zivilisation oder als Vorstufe der Kolonisierung, die Mitte des 8. Jahrhunderts v. Chr. begann, betrachtet.
Heute gelten beide Ansätze als unzureichend. Neue Untersuchungen sowie eine genauere Analyse der archäologischen Funde zeigen eindeutig, dass Nuragher und Phönizier in Sardinien in dieser Zeit nicht in Gegnerschaft zueinander standen. Dies belegen die Koexistenz von nuragischen und phönizischen Siedlungen in Orten wie Tharros und Othoca am Golf von Oristano.
Ein Phänomen, das bereits in der Spätbronzezeit in Ansätzen vorhanden war, aber in dieser Periode in bestimmten Gebieten verstärkt auftritt, ist die Aufgabe von Siedlungen sowie der teilweise Abriss und die Wiederverwendung von Nuraghen. Viele dieser Monumente erfahren bedeutende strukturelle Veränderungen, wie die Nuraghen Su Nuraxi in Barumini und Genna Maria in Villanovaforru belegen, wo ganze Teile der äußeren Mauerringe abgerissen wurden, um Wohnhäuser innerhalb der Siedlungen zu errichten.
Die Produktion von Bronze-Waffen nimmt zu, wie die Praxis der Hortung zeigt: Bronzevorräte, die vermutlich dem gesamten Gemeinwesen gehörten, wurden in Heiligtümern aufbewahrt oder unter den Pflasterungen von Hütten und in den Mauern der Nuraghen versteckt.
In der Keramikproduktion bleiben Gefäßformen der Spätbronzezeit weiterhin in Gebrauch, während parallel neue Formen das keramische Repertoire bereichern. Charakteristisch für diese Phase sind der Askos (ein Schnabelkrug) und der Henkelkrug. Die Keramiken sind erneut reich mit eingravierten geometrischen Mustern verziert.
Zwischen dem 9. und 8. Jahrhundert v. Chr. sind die Beziehungen zwischen Sardinien, Etrurien und Kampanien besonders intensiv, wie zahlreiche nuragische Funde und deren Nachahmungen belegen: nuragische Waffen, Bronzestatuetten und Votivschiffchen sind in den Gräbern der etruskischen Aristokratie gefunden worden. Ebenso gelangten etruskische Waffen, Äxte, halbmondförmige Rasiermesser und Fibeln, die zur Befestigung von Kleidungsstücken dienten, nach Sardinien. Nuragische Kännchen und andere Keramiken wurden auch auf Sizilien, in Tunesien, Andalusien und sogar auf Kreta gefunden.
Die Vielfalt der kulturellen Kontakte zwischen Sardinien und dem übrigen Mittelmeerraum bestätigt, dass Sardinien in der Frühen Eisenzeit über eine eigenständige Zivilisation verfügte. Diese wurde von den verschiedenen Völkern des Mittelmeers als eine ethnisch-kulturelle Einheit anerkannt.
Die Phönizier waren ein antikes semitisches Volk, das im östlichen Mittelmeerraum lebte, hauptsächlich im Gebiet des heutigen Libanon, sowie in Teilen von Syrien und Israel. Es gab kein einheitliches Reich, denn die Phönizier waren in Stadtstaaten organisiert. Dennoch waren sie durch eine gemeinsame Sprache und Kultur verbunden. Sie waren ein auf Handel und Seefahrt spezialisiertes Volk. So kommen sie Ende des 9. Jh. v. Chr. auf Sardinien an und leben friedlich mit den Nuraghern zusammen. Sie gründen wichtige Städte an den Küsten, wie Karalis (Cagliari), Nora, Tharros und Sulki (Sant’Antioco). In der phönizischen Gründung Olbia finden wir phönizische, sardische, sowie griechische und etruskische Artefakte. Ausgrabungen in den Gebieten um Oristano und Sulcis belegen, dass Phönizier und Nuragher in gemeinsamen Siedlungen lebten und in Handelsbeziehungen standen, die für beide Seiten vorteilhaft waren. Die Phönizier nutzten Sardinien vor allem als Handelsstützpunkt und zur Rohstoffgewinnung, besonders von Metallen. Sie bringen die Schriftsprache und ihr Alphabet nach Sardinien. Eine der ältesten bekannten phönizischen Inschriften ist die Stele von Nora. Obwohl sie bis heute nicht vollständig übersetzt ist, erkennen wir hier die erste schriftliche Erwähnung Sardiniens („SRDN“) und wahrscheinlich der antiken Stadt Nora („NGR“)
520 v. Chr. eroberten die Karthager Sardinien, das von den Phöniziern und Nuraghern verteidigt wurde. Als Karthager oder auch Punier bezeichnet man die semitischen Phönizier Nordafrikas. Sie herrschen nun über Sardinien, wobei sie sich an den Bodenschätzen der Insel bereichern und gleichzeitig einen Konkurrenten um die Vormachtstellung des Handels im Mittelmeerraum eliminieren und ihre wirtschaftliche Vormachtstellung festigen. Wie schon die Phönizier bringen auch die Karthager ihre Kultur mit nach Sardinien, die besonders die Keramikproduktion beeinflusst: Es wurden bemalte Milchfläschchen in Menschengestalt aus Terracotta gefunden, die auch als Grabbeigaben für verstorbenen Kleinkindern und Babys dienten. Besonders im religiösen Kontext finden wir Modelle, die wir genauso in Karthago selbst wiederfinden: Statuetten, die in Verbindung mit dem Schutzgott Bes und der Göttin der Fruchtbarkeit Tanit stehen.
Bei Ausgrabungen in ehemaligem phönizisch-punischen Siedlungen fand man Tofet-Stätten. Ein Tofet war bei den Phöniziern und Karthagern eine heilige Stätte, die als Begräbnis- und Opferplatz diente. Die Bedeutung des Wortes Tofet in biblischen Texten als „Ort der Verbrennung“ führte in der Vergangenheit zu der Annahme, dass dort blutige Opferungen von Kleinkindern stattfanden. Zudem schienen auch die Hinweise auf Menschenopfer in den klassischen Quellen sowie der Fund zahlreicher Terrakotta-Urnen mit verbrannten Überresten von Kindern und Neugeborenen diese Praxis zu bestätigen. Obwohl Menschenopfer bei den Phöniziern in bestimmten Krisensituationen bekannt waren, fanden sie nicht in dem Umfang, der Häufigkeit und unter den Bedingungen statt, wie es in den klassischen Quellen dargestellt wird. Seit den 1980er-Jahren wurde die traditionelle Interpretation des Tofet zunehmend infrage gestellt. Die These des blutigen Opfers, die noch von einigen Forschern vertreten wird, steht der Deutung gegenüber, die den Tofet als eine besondere Nekropole sieht, in der die jüngsten Mitglieder der Gemeinschaft bestattet wurden. Die dort vollzogenen Rituale scheinen mit der Bitte um neue Geburten verbunden zu sein, durch Anrufungen an den Gott Baal Hammon und die Göttin Tanit. Die Frage bleibt also offen, auch wenn zahlreiche anthropologische Studien an den zerbrechlichen Skelettresten der Neugeborenen nahelegen, dass es sich um natürliche Todesfälle handelte, die mit der hohen Säuglingssterblichkeit zusammenhingen.
Archäologische Überreste von Tofet-Stätten gibt es in Tunesien (Karthago), Sizilien (Mozia) und auf Sardinien (Sulki, Nora, Tharros).
Einer der bekanntesten und bedeutendsten Aspekte des phönizischen und punischen Kunsthandwerks in Sardinien ist die Herstellung von Schmuckstücken aus Gold, Silber, Bronze, Halbedelsteinen und Glasfluss.
Obwohl die Prototypen der ältesten Schmuckstücke, die in den westlichen Gebieten gefunden wurden, ihren Ursprung im östlichen Mittelmeerraum haben, nimmt die lokale Schmuckproduktion bereits ab dem 6. Jahrhundert v. Chr. besondere Merkmale an, die auf das Vorhandensein von künstlerischen und handwerklichen Zentren hindeuten, die in der Lage waren, die weit verbreiteten, ägyptischen figürlichen Motive geschickt neu zu interpretieren. In diesem Zusammenhang sind einige Zentren von besonderem Interesse, an denen die Existenz spezialisierter Werkstätten vermutet werden kann: Tharros in Sardinien, Karthago in Tunesien und Cádiz in Spanien.
Die Armbänder, Ohrringe und Ringe, die in großer Zahl in den Nekropolen gefunden wurden, sind mit höchster Präzision angefertigt worden. Häufig befindet sich in der beweglichen Fassung der Ringe ein Skarabäus aus Halbedelstein oder Speckstein. Die Kettenanhänger aus Gold, Silber und Bronze, wurden oft mit Amuletten, figürlichen Pendants und weiteren Perlen aus Glasfluss oder Specksteinmasse kombiniert. Besonders bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang die Glasflusskette, die in einem Grab der Nekropole von Fontana Noa in Olbia gefunden wurde. Sie besteht aus zylinderförmigen Anhängern und farbigen Pendants, die als Amulette fungieren und Tiere sowie menschliche Köpfe darstellen. Diese Ketten begleiteten die Verstorbenen ins Jenseits und hatten apotropäischen Wert.
Von den Rollendöschen aus Gold und Silber haben einige die Form von Votiv-/Bestattungssteinen mit spitzem Oberteil, andere sind zylindrisch und mit Falken-, Löwen- oder Widderköpfen und einem Sonnenscheiben- oder Kobra-Symbol verziert. Sie beinhalteten winzige Metallblättchen oder Papyrusrollen, die Szenen von Prozessionen göttlicher Wesen und Tiere ägyptischer Herkunft sowie Votiv- und Glückwunschinschriften in phönizischer Schrift darstellen.
Obwohl es in Sardinien keine klaren archäologischen Beweise für das Vorhandensein von Werkstätten gibt, deuten die spezifischen Merkmale der in Tharros gefundenen Schmuckstücke darauf hin, dass es sich um eine lokale Schule handelt, die als eines der herausragendsten Beispiele im gesamten Mittelmeerraum betrachtet werden muss.
Neben den Funden aus Tharros gibt es auch andere Zeugnisse. So sticht beispielsweise die Dokumentation aus der Nekropole von Monte Luna (Senorbì) hervor, darunter einige goldene Ringe, die männliche und weibliche Gesichter darstellen, aber auch typisch punische Motive wie das Symbol von Tanit oder das Auge des Horus. Die Funde zahlreicher goldener Schmuckstücke belegen das gute sozioökonomische Niveau der sardisch-punischen Gemeinschaften.
Der Übergang Sardiniens unter die römische Herrschaft erfolgte im Jahr 238 v. Chr., aber die Eroberung wurde aus administrativer und rechtlicher Sicht erst 227 v. Chr. formalisiert: Mit der Schaffung der Provinz Sardinia et Corsica wurde deren Kontrolle einem Statthalter anvertraut.
Sardinien war zu dieser Zeit stark von der punischen Kultur geprägt, die tief in den Kulten, der Sprache, der handwerklichen Produktion und den Bautechniken verwurzelt war. Der Romanisierungsprozess wurde durch den erbitterten Widerstand der Inselbevölkerung erschwert und verlief daher langsam und mühsam. Doch mehr als durch militärische Mittel wurde er durch die Einwanderung kleiner und großer Kaufleute aus der italienischen Halbinsel begünstigt, die große Summen in den Erwerb und die Bewirtschaftung landwirtschaftlicher Flächen investierten. Dies führte zu tiefgreifenden Veränderungen in der Landschaft der ländlichen Gebiete, insbesondere durch den Bau zahlreicher Landvillen.
Der römische Einfluss zeigte sich vor allem in den großen Städten und Machtzentren, wo nicht nur eine neue Stadtstruktur entstand, sondern auch die bestehende Architektur erneuert wurde. Nach einem bewährten Muster in den von den Römern eroberten Gebieten wurden auch die Städte Sardiniens mit den typischen Bauten der römischen Kultur ausgestattet. Thermen, Theater und Amphitheater zur Unterhaltung der Bevölkerung. Zu den beeindruckendsten erhaltenen Bauwerken zählen die Thermalanlagen von Forum Traiani (dem heutigen Fordongianus) sowie die Amphitheater von Nora und Cagliari.
Die Kontinuität zur punischen Zeit ist im religiösen Bereich deutlich sichtbar. Dies belegen die Votivgaben an den heilenden ägyptischen Gott Bes oder die kleinen Tonfiguren in Heiligtümern und ländlichen Kontexten, die der Erntegöttin Tanit gewidmet waren, die in der römischen Zeit mit Ceres identifiziert wurde.
Auch römische Keramik wurde in Sardinien viel gefunden, hauptsächlich in Nekropolen. Dabei handelt es sich größtenteils um Tafelgeschirr, das zusammen mit Wein- und Öltransporten verschifft wurde. Dies wird durch die Formen der gefundenen Gefäße belegt: Schalen, kleine Schüsseln, Teller und Amphoren. Ein Beispiel hierfür ist die schwarz glasierte kampanische Keramik, die in den Werkstätten Kampaniens produziert und später in sardischen Manufakturen nachgeahmt wurde. Besonders geschätzt war auf der Insel auch die sogenannte dünnwandige Keramik. Diese wurde in Etrurien und Spanien hergestellt und blieb auch in der Kaiserzeit verbreitet.
Ab dem späten 1. Jahrhundert v. Chr. gelangten weitere Keramikprodukte auf die Insel, insbesondere die italische Sigillata, benannt nach dem aufgestempelten Fabrikzeichen (Sigillum), das auf verschiedenen in Italien hergestellten Gefäßen angebracht wurde. Erhalten geblieben sind sowohl schlichte Teller und Becher als auch reich verzierte Gefäße.
Der Einsatz von Kunstwerken zur Festigung der römischen Identität, sowohl in Rom selbst als auch in den eroberten Provinzen, zeigt sich deutlich auch auf Sardinien: Malereien, Mosaike, Skulpturen, architektonische Reliefs und hochwertiges Tafelgeschirr wurden zu effektiven Mitteln, um die kulturelle Assimilation der neuen Provinz in verschiedenen Bereichen des öffentlichen und privaten Lebens zu fördern.
Die zahlreichen erhaltenen Inschriften stellen wertvolle Informationsquellen über die verschiedenen Aspekte des Lebens im römischen Sardinien dar. Besonders interessant und emotional berührend sind die Gedenkinschriften für Verstorbene auf kleinen Urnen, Grabstelen oder anderen Grabmonumenten.
In verschiedenen Teilen der Insel wurden Militärdiplome gefunden: Bronzetafeln mit Entlassungsdokumenten, die vom Kaiser ausgestellt wurden und dem Veteranen und seinen Nachkommen die Römische Staatsbürgerschaft verliehen. Während das Original im Militärarchiv in Rom aufbewahrt wurde, erhielten die entlassenen Veteranen eine Kopie, die ihnen zusammen mit einem Landstück in einer Region des Reiches übergeben wurde.
Wir finden auf Sardinien zahlreiche römische Porträtskulpturen mit einem klar propagandistischen Zweck. Es ist daher kein Zufall, dass die große Mehrheit der in Sardinien gefundenen Bildnisse Kaiserporträts sind. Aus Sulki stammt eine Gruppe von fünf Porträtstatuen, die Tiberius, Claudius und andere Mitglieder der kaiserlichen Familie darstellen. Die Büste Neros und der Kopf Trajans aus Olbia, ursprünglich Teile von Statuen, sind höchstwahrscheinlich als Huldigungen der Stadt an den Kaiser bei seinem Herrschaftsantritt zu verstehen – eine damals weit verbreitete Praxis zur Ehrung des Kaisers und seiner Familie.
Die Keramikproduktion wurde durch Keramik aus Südgallien ergänzt. Diese zeichnet sich durch die intensive dunkelrote Farbe und ihre glänzende Oberfläche aus. Häufig wurden spezielle Techniken eingesetzt, um dekorative Effekte zu erzielen, wie bei der marmorierten Keramik, die mit einer glasartigen Beschichtung aus unregelmäßigen gelben und roten Flecken und Streifen verziert wurde.
Gegen Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr. gelangten Waren aus den nordafrikanischen Provinzen nach Sardinien: Nahrungsmittel – insbesondere Öl und Garum (eine Fischsauce) – sowie Tafelgeschirr, Kochutensilien und Lampen. Die Herkunft der Keramik ist durch Fabrikstempel belegt, weshalb sie als Afrikanische Sigillata bezeichnet wird.
Das Christentum war auf Sardinien früh präsent: Bereits im 2. – 3. Jahrhundert n. Chr. gibt es Hinweise auf Christen, die zur Zwangsarbeit in Steinbrüchen und Minen verurteilt wurden. Unter den frühchristlichen Funden im Museum ist eine kleine Bronzestatuette des Heiligen Paulus besonders bemerkenswert. Sie wurde in der frühchristlichen Anlage von Cornus entdeckt und auf das 4. Jahrhundert datiert. Spuren von Oxidation, ein kreisförmiges Loch zwischen den abgebrochenen Knöcheln und Vergleiche mit ähnlichen Exemplaren lassen vermuten, dass sie ursprünglich Teil eines größeren Objekts war, wahrscheinlich einer Öllampe.
Seit 534 n. Chr. gehörte Sardinien auf Befehl des Kaisers zur Präfektur von Afrika und blieb auch in der byzantinischen Zeit (6. – 11. Jahrhundert) weiterhin eng in das kulturelle Netzwerk des Mittelmeerraums eingebunden. Zahlreiche Funde, darunter Keramik, Metall- und Glaswaren sowie architektonische Überreste, weisen deutliche Parallelen zu anderen Regionen Italiens, Europas, des Nahen Ostens und Nordafrikas auf und ermöglichen Rückschlüsse auf den Alltag und die Handelsbeziehungen jener Zeit. Besonders auffällig ist der Import von afrikanischer Sigillata-Keramik aus Küstenstädten Nordafrikas im 6. und 7. Jahrhundert. Dabei handelt es sich überwiegend um Gebrauchsgeschirr und kunstvoll verzierte Öllampen mit christlichen Motiven. Gleichzeitig kamen auch große byzantinische Amphoren nach Sardinien, die zur Aufbewahrung und zum Transport von Lebensmitteln entlang der Haupthandelsrouten des Mittelmeerraums dienten.
Mit der Präsenz der Araber auf der Insel änderten sich die Handelsströme: Ab dem 8. Jahrhundert verlagerte sich der Importhandel von Nordafrika in Richtung Süditalien. In dieser Zeit entstanden auf Sardinien auch vermehrt lokale Keramikproduktionen, hauptsächlich einfaches Haushalts- und Kochgeschirr. Gleichzeitig wurden weiterhin Luxuswaren importiert, wie die sogenannte „Forum Ware“ (benannt nach dem ersten Fund im Forum Romanum) oder bronzene Krüge im koptischen Stil, die aus Rom oder aus weit entfernten Regionen stammten.
Das frühmittelalterliche Sardinien wird im Museum vor allem durch Grabbeigaben repräsentiert. Eine große Auswahl an Schmuckstücken, die in ihrer Herkunft und Datierung variieren, zeigt die weite Verbreitung dieser Objekte und gibt gleichzeitig Aufschluss über den Wohlstand der sozialen Gruppen, denen sie gehörten. Unter den Ringen stechen einige mit „Würfelaugen“-Gravuren hervor, während andere glatte Flächen aufweisen, die wahrscheinlich für personalisierte Monogramme oder Symbole vorgesehen waren. Häufig wurden zusammen mit Ringen auch römische Münzen gefunden, die mit Löchern versehen als Amulette oder Anhänger getragen wurden. Bei den Ohrringen sind die Kugelmodelle weit verbreitet: ein großer Reifen mit festem Anhänger, der aus einer hohlen Kugel mit vier kleinen Erhebungen besteht. Aufwändiger gestaltet sind die Korbohrringe oder jene mit floralen Anhängern.
Schmuckstücke aus Gold und Silber waren kunstvoll gearbeitet und oft von beträchtlicher Größe. Gürtelschnallen bestanden dagegen meist aus Bronze und wurden in Formen gegossen. Sie zeigen eine Vielzahl von Motiven: religiöse Symbole, geometrische Muster, stilisierte Figuren oder Darstellungen von Menschen und Tieren. Bronze wurde ebenfalls für die Herstellung von Armreifen, Krügen und liturgischen Weihrauchgefäßen verwendet, die oft mit Gravuren verziert oder aufwendig gegossen wurden.